Wehret den Anfängen

Ich bin von Monat zu Monat fassungsloser über das, was in diesem Land gerade passiert. Und ich habe inzwischen die Nase gestrichen voll von dieser völlig unangebrachten Verharmlosung der PEGIDA-Bewegung(en) und ihrem Umfeld. Dass noch immer mehr als genug Menschen leugnen, dass wir ein ernstes Problem mit dem Rechtsextremismus haben, dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Dieses ganze Geschwätz von den besorgten, patriotischen Bürgern fällt doch sofort wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn man nur mal fünf Minuten die Tageszeitung aufschlägt oder sich in den sozialen Netzwerken umsieht.

Ich rede hier nicht von ein paar geistesgestörten Irrläufern der Evolution wie dem NSU – sondern von dem blindwütigen, geifernden Mob, der da seit Monaten auf den Straßen und im Internet tobt und fast wöchentlich radikaler auftritt. Es werden doch schon wieder ganz öffentlich und ohne jede Zurückhaltung Menschen ins Gas gewünscht, es werden doch schon wieder mit schöner Regelmäßigkeit Häuser in Brand gesteckt! Was braucht der verbliebene vernünftige Teil der Bevölkerung denn noch, bis er endlich mal die Augen aufmacht?

Jedes brennende Haus dieser Republik hat mit einer PEGIDA-et-al-Demo angefangen, was sollen also diese realitätsfremden Relativierungen des Volkszorns, der uns gerade mit einer Wucht überrollt, die man seit Mitte/Ende der 1990er Jahre eigentlich für überwunden hielt? Was soll das Gerede von Sorgen der Bevölkerung, die man ernst nehmen müsse? Ernst nehmen muss man jetzt vor allem erst einmal die kalte Gewalttätigkeit und den blanken Hass, mit der/dem sich dieser neue alte Rassismus hier mitten in der Gesellschaft ausbreitet wie ein Krebsgeschwür!

Diese ganzen sozialpädagogisch wertvollen Debatten, bei denen sich jeder CSU-Brandstifter, der seit 30 Jahren Öl ins Feuer gießt, plötzlich als großer Menschenfreund selbst inszenieren darf, die schöngeistigen Kuschel-Stuhlkreis-Runden in völlig falsch verstandener Habermas’scher Tradition von Jauch bis Illner, das alles ist doch nichts anderes als das, was man im englischen Sprachraum einen smoke screen nennt. Verschleierung, Kleinreden, Kapitulation, Wegschauen.

Als der Mob Anfang der 1990er Jahre schon einmal gewütet und Häuser in Brand gesteckt hat, sind zwei Texte entstanden, deren Verfasser entsetzt sein dürften, dass sie 20 Jahre später plötzlich aktueller sind denn je. Der erste stammt von Wiglaf Droste und wurde in abgemilderter Form auf CD veröffentlicht – in seiner ursprünglichen Fassung war er jedoch geschrieben für ein antifaschistisches Infoheft. Dort heißt es unter anderem:

(…) Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. (…) Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hinein. (…) Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem aber erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass es sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so. (…)

Den zweiten Text hat die deutsche Punklegende Slime unter dem Titel Schweineherbst veröffentlicht und stellt darin fest:

(…) Und wieder setzt du dich hin / und fängst an zu beten / dabei müsstest du wissen / du solltest schreien und diese kleinen Tiere zertreten / doch ‚das geht zu weit‘ / ich seh‘ euch winden / und während sie immer mehr / Menschen anzünden / bist du noch immer am Reden, am Differenzieren / man dürfe seine Werte jetzt nicht verlieren / dieser ‚Wert‘ im Klartext heißt: / das Weiterleben vom Großdeutschen Geist // Deutschland – ein Land kotzt sich aus / einen alten, braunen Brei / seh‘ ich aus dem Fenster / wird mir übel von dieser Heuchelei / in Deutschland – ein Land kotzt sich aus / einen alten, braunen Brei / mir wird schlecht / von dieser Heuchelei (…)

Hört auf, diese brutale Kaltblütigkeit achselzuckend hinzunehmen oder zu verharmlosen. Macht die Augen auf! Macht das Maul auf! Das hier ist auch unser Land. Jagt den Rassistenmob zum Teufel!

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