Zum Veggie-Boom

Im Jahr 2016 hat die vegetarisch-vegane Ernährungsform neuen Auftrieb bekommen. Paradoxerweise hat das viel mit prominenten Wurst- und Fleischherstellern zu tun, die diesen Markt langsam für sich entdecken und ihr Sortiment vermehrt in fleischlosen Varianten in die Supermarktregale spülen.

Angesichts des neuen Booms wächst freilich auch die öffentlich wahrnehmbare Schar der Kritiker. Nun gibt es sicherlich, das muss auch ich als Fürsprecher des Fleischverzichtes zugeben, einige sehr gute Argumente, unter denen man sich mit dem Vegetarismus kritisch auseinandersetzen kann; für die lautstarke öffentliche Debatte hat man sich indes wieder einmal die dümmsten Argumente ausgesucht.

So wird aktuell mit Vorliebe darüber gestritten, ob Fleischimitate nicht irgendwie eine dämliche Idee seien, und wenn man sie schon in Kauf nehmen muss, ob sie dann nicht wenigstens anders benannt werden müssen sollten. Diese ganz besonders dümmliche Debatte unter den dümmlichen Debatten wird natürlich, wen wundert’s, von den Fleischapologeten losgetreten. Denn entgegen der vor allem in diesem Jahr verbreiteten Treppenwitze, wie missionarisch und penetrant Veganer seien, werden solche Debatten immer von Fleischapologeten losgetreten. Penetrant an Veganern ist allenfalls, dass sie sich auch noch erdreisten, sich auf solche Debatten einzulassen, anstatt endlich einzusehen, wie unnatürlich ihre Ernährung ist, und sich postwendend ein blutiges Steak zu kaufen.

Natürlich geht es hierbei nicht um die angebliche Verbrauchertäuschung. Völliger Unsinn – jeder, aber auch wirklich jeder Mensch weiß genau, was er bekommt, wenn er sich ein veganes Schnitzel in den Einkaufskorb legt. Und besonders jene Menschen, die damit auf Teufel-komm-raus nichts zu tun haben wollen, wissen das. Wo hier also die Irreführung sein soll, erschließt sich mir nicht im Geringsten. Nein, es geht einzig darum, dass diese Grünzeug- und Zusatzmittelfresser sich gefälligst aus der heiligen Domäne des Fleischverzehrs rauszuhalten haben. Viel zu groß die Gefahr, dass vielleicht eines Tages das Fleisch zum Nischenprodukt und die pflanzlichen Imitate der Mainstream werden könnten. Um Himmels Willen!

Aber sei es drum. Lassen wir die sprachlichen Feinheiten doch für einen Moment beiseite und denken kurz über die inhaltliche Kritik nach. Ein Mensch, der behauptet, er wolle kein Fleisch essen, kauft sich ein Produkt, das dann aber doch wie Fleisch aussieht? Hä? Wie bescheuert ist das denn? Die Antwort lautet knapp: Es ist kein bisschen bescheuert. Ich weiß nicht, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, es handele sich bei jedem Vegetarier um einen ausgemachten Fleischhasser – aber die Realität ist näher am Gegenteil. Es dürfte sogar einem weitaus größeren Teil der Vegetarier so gehen, dass sie Fleisch eigentlich sogar sehr gern mögen. Sie haben sich nur bewusst und aus einer Vielzahl von rationalen Gründen dagegen entschieden.

Das Phänomen begegnet uns in allen Lebensbereichen, ohne dass wir das irgendwie merkwürdig oder gar bescheuert finden würden. Alkoholfreies Bier zum Beispiel. Oder Kunstleder. E-Zigaretten. Ja, sogar Bungeejumping beruht auf demselben Prinzip. („Wenn man doch nicht aus großer Höhe auf den Boden knallen will, warum will man dann eine Freizeitbeschäftigung, die sich so ähnlich anfühlt?“)

Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass man bei einer Sache, die man eigentlich genießt, bei der man aber überzeugt ist, dass sie nicht gut ist, nach einem möglichst ähnlichen Ersatz sucht. Wenn ich Bratwurst liebe, aber davon überzeugt bin, dass sie mir, dem Schwein und/oder der Erde nicht gut tut; wenn ich darüber hinaus über das Wissen und die Technik verfüge, eine Bratwurst buchstäblich zu bauen, die ohne tierische Fette und Cholesterin, ohne Massentierhaltung und ohne Tötung eines Lebewesens auskommt – warum zum Teufel sollte ich sie dann nicht herstellen? Das muss man natürlich nicht gut finden – aber wer es nicht einmal auf die Reihe bekommt, diese Gedankenkette nachzuvollziehen, der ist im Wortsinne dumm.

Und letzten Endes sind wir dann eben doch wieder bei dem großen Thema der Moderne: der Toleranz. Toleranz bedeutet nicht, dass man alles gut finden muss. Es bedeutet nicht einmal, dass man mit allem einverstanden sein muss. Aber es bedeutet eben, dass man manchmal auch Dinge stillschweigend erträgt. Und vor allem: dass man sich, wenn man Kritik äußern möchte, vorher ein paar Gedanken über die Sichtweise des anderen macht, und nicht sofort auf allen Kanälen poltert, als gäbe es kein Morgen.

Dann gäbe es vielleicht auch mal über den Vegetarismus wieder eine fruchtbare Debatte, von der beide Seiten profitieren und einen Erkenntnisgewinn verzeichnen können. Dümmliche Scheindebatten auf dem intellektuellen Niveau von 12-jährigen sind nämlich in einer hochentwickelten Industrienation des 21. Jahrhunderts nichts als Zeitverschwendung.

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