Gläserne Bürger

Wer immer noch glaubt, das Thema Datenschutz betreffe ihn praktisch nicht, weil er ja nichts zu verbergen habe, dem sei folgende kleine Geschichte weitergegeben, die die aktuelle c’t am Rande eines Artikels zum Thema erzählt:

Ein amerikanisches Kreditkarten-Unternehmen war vor einiger Zeit darauf gestoßen, dass es einen statistisch relevanten Zusammenhang zwischen Eheproblemen und finanziellen Problemen gibt. Anders ausgedrückt: Menschen mit Eheproblemen entwickeln offenbar überdurchschnittlich oft auch finanzielle Schwierigkeiten. Die folgerichtige Konsequenz war, dass das Unternehmen denjenigen seiner Kunden, die eine Ehe- / Paarberatung mit ihrer Kreditkarte bezahlt hatten, den Kreditrahmen zusammenstrich. Weil, ihr wisst schon, sicher ist sicher.

Ein solcher Vorgang, auch das merkt c’t an, ist aktuell in Deutschland sicher noch nicht zu erwarten, die noch herrschende Rechtslage gibt das nicht her. Die Betonung liegt hier aber auf noch, denn in welche Richtung sich die Rechtslage im Zweifelsfall entwickelt, sollte mittlerweile jedem klar sein.

Zum Veggie-Boom

Im Jahr 2016 hat die vegetarisch-vegane Ernährungsform neuen Auftrieb bekommen. Paradoxerweise hat das viel mit prominenten Wurst- und Fleischherstellern zu tun, die diesen Markt langsam für sich entdecken und ihr Sortiment vermehrt in fleischlosen Varianten in die Supermarktregale spülen.

Angesichts des neuen Booms wächst freilich auch die öffentlich wahrnehmbare Schar der Kritiker. Nun gibt es sicherlich, das muss auch ich als Fürsprecher des Fleischverzichtes zugeben, einige sehr gute Argumente, unter denen man sich mit dem Vegetarismus kritisch auseinandersetzen kann; für die lautstarke öffentliche Debatte hat man sich indes wieder einmal die dümmsten Argumente ausgesucht.

So wird aktuell mit Vorliebe darüber gestritten, ob Fleischimitate nicht irgendwie eine dämliche Idee seien, und wenn man sie schon in Kauf nehmen muss, ob sie dann nicht wenigstens anders benannt werden müssen sollten. Diese ganz besonders dümmliche Debatte unter den dümmlichen Debatten wird natürlich, wen wundert’s, von den Fleischapologeten losgetreten. Denn entgegen der vor allem in diesem Jahr verbreiteten Treppenwitze, wie missionarisch und penetrant Veganer seien, werden solche Debatten immer von Fleischapologeten losgetreten. Penetrant an Veganern ist allenfalls, dass sie sich auch noch erdreisten, sich auf solche Debatten einzulassen, anstatt endlich einzusehen, wie unnatürlich ihre Ernährung ist, und sich postwendend ein blutiges Steak zu kaufen.

Natürlich geht es hierbei nicht um die angebliche Verbrauchertäuschung. Völliger Unsinn – jeder, aber auch wirklich jeder Mensch weiß genau, was er bekommt, wenn er sich ein veganes Schnitzel in den Einkaufskorb legt. Und besonders jene Menschen, die damit auf Teufel-komm-raus nichts zu tun haben wollen, wissen das. Wo hier also die Irreführung sein soll, erschließt sich mir nicht im Geringsten. Nein, es geht einzig darum, dass diese Grünzeug- und Zusatzmittelfresser sich gefälligst aus der heiligen Domäne des Fleischverzehrs rauszuhalten haben. Viel zu groß die Gefahr, dass vielleicht eines Tages das Fleisch zum Nischenprodukt und die pflanzlichen Imitate der Mainstream werden könnten. Um Himmels Willen!

Aber sei es drum. Lassen wir die sprachlichen Feinheiten doch für einen Moment beiseite und denken kurz über die inhaltliche Kritik nach. Ein Mensch, der behauptet, er wolle kein Fleisch essen, kauft sich ein Produkt, das dann aber doch wie Fleisch aussieht? Hä? Wie bescheuert ist das denn? Die Antwort lautet knapp: Es ist kein bisschen bescheuert. Ich weiß nicht, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, es handele sich bei jedem Vegetarier um einen ausgemachten Fleischhasser – aber die Realität ist näher am Gegenteil. Es dürfte sogar einem weitaus größeren Teil der Vegetarier so gehen, dass sie Fleisch eigentlich sogar sehr gern mögen. Sie haben sich nur bewusst und aus einer Vielzahl von rationalen Gründen dagegen entschieden.

Das Phänomen begegnet uns in allen Lebensbereichen, ohne dass wir das irgendwie merkwürdig oder gar bescheuert finden würden. Alkoholfreies Bier zum Beispiel. Oder Kunstleder. E-Zigaretten. Ja, sogar Bungeejumping beruht auf demselben Prinzip. („Wenn man doch nicht aus großer Höhe auf den Boden knallen will, warum will man dann eine Freizeitbeschäftigung, die sich so ähnlich anfühlt?“)

Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass man bei einer Sache, die man eigentlich genießt, bei der man aber überzeugt ist, dass sie nicht gut ist, nach einem möglichst ähnlichen Ersatz sucht. Wenn ich Bratwurst liebe, aber davon überzeugt bin, dass sie mir, dem Schwein und/oder der Erde nicht gut tut; wenn ich darüber hinaus über das Wissen und die Technik verfüge, eine Bratwurst buchstäblich zu bauen, die ohne tierische Fette und Cholesterin, ohne Massentierhaltung und ohne Tötung eines Lebewesens auskommt – warum zum Teufel sollte ich sie dann nicht herstellen? Das muss man natürlich nicht gut finden – aber wer es nicht einmal auf die Reihe bekommt, diese Gedankenkette nachzuvollziehen, der ist im Wortsinne dumm.

Und letzten Endes sind wir dann eben doch wieder bei dem großen Thema der Moderne: der Toleranz. Toleranz bedeutet nicht, dass man alles gut finden muss. Es bedeutet nicht einmal, dass man mit allem einverstanden sein muss. Aber es bedeutet eben, dass man manchmal auch Dinge stillschweigend erträgt. Und vor allem: dass man sich, wenn man Kritik äußern möchte, vorher ein paar Gedanken über die Sichtweise des anderen macht, und nicht sofort auf allen Kanälen poltert, als gäbe es kein Morgen.

Dann gäbe es vielleicht auch mal über den Vegetarismus wieder eine fruchtbare Debatte, von der beide Seiten profitieren und einen Erkenntnisgewinn verzeichnen können. Dümmliche Scheindebatten auf dem intellektuellen Niveau von 12-jährigen sind nämlich in einer hochentwickelten Industrienation des 21. Jahrhunderts nichts als Zeitverschwendung.

Wehret den Anfängen

Ich bin von Monat zu Monat fassungsloser über das, was in diesem Land gerade passiert. Und ich habe inzwischen die Nase gestrichen voll von dieser völlig unangebrachten Verharmlosung der PEGIDA-Bewegung(en) und ihrem Umfeld. Dass noch immer mehr als genug Menschen leugnen, dass wir ein ernstes Problem mit dem Rechtsextremismus haben, dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Dieses ganze Geschwätz von den besorgten, patriotischen Bürgern fällt doch sofort wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn man nur mal fünf Minuten die Tageszeitung aufschlägt oder sich in den sozialen Netzwerken umsieht.

Ich rede hier nicht von ein paar geistesgestörten Irrläufern der Evolution wie dem NSU – sondern von dem blindwütigen, geifernden Mob, der da seit Monaten auf den Straßen und im Internet tobt und fast wöchentlich radikaler auftritt. Es werden doch schon wieder ganz öffentlich und ohne jede Zurückhaltung Menschen ins Gas gewünscht, es werden doch schon wieder mit schöner Regelmäßigkeit Häuser in Brand gesteckt! Was braucht der verbliebene vernünftige Teil der Bevölkerung denn noch, bis er endlich mal die Augen aufmacht?

Jedes brennende Haus dieser Republik hat mit einer PEGIDA-et-al-Demo angefangen, was sollen also diese realitätsfremden Relativierungen des Volkszorns, der uns gerade mit einer Wucht überrollt, die man seit Mitte/Ende der 1990er Jahre eigentlich für überwunden hielt? Was soll das Gerede von Sorgen der Bevölkerung, die man ernst nehmen müsse? Ernst nehmen muss man jetzt vor allem erst einmal die kalte Gewalttätigkeit und den blanken Hass, mit der/dem sich dieser neue alte Rassismus hier mitten in der Gesellschaft ausbreitet wie ein Krebsgeschwür!

Diese ganzen sozialpädagogisch wertvollen Debatten, bei denen sich jeder CSU-Brandstifter, der seit 30 Jahren Öl ins Feuer gießt, plötzlich als großer Menschenfreund selbst inszenieren darf, die schöngeistigen Kuschel-Stuhlkreis-Runden in völlig falsch verstandener Habermas’scher Tradition von Jauch bis Illner, das alles ist doch nichts anderes als das, was man im englischen Sprachraum einen smoke screen nennt. Verschleierung, Kleinreden, Kapitulation, Wegschauen.

Als der Mob Anfang der 1990er Jahre schon einmal gewütet und Häuser in Brand gesteckt hat, sind zwei Texte entstanden, deren Verfasser entsetzt sein dürften, dass sie 20 Jahre später plötzlich aktueller sind denn je. Der erste stammt von Wiglaf Droste und wurde in abgemilderter Form auf CD veröffentlicht – in seiner ursprünglichen Fassung war er jedoch geschrieben für ein antifaschistisches Infoheft. Dort heißt es unter anderem:

(…) Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. (…) Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hinein. (…) Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem aber erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass es sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so. (…)

Den zweiten Text hat die deutsche Punklegende Slime unter dem Titel Schweineherbst veröffentlicht und stellt darin fest:

(…) Und wieder setzt du dich hin / und fängst an zu beten / dabei müsstest du wissen / du solltest schreien und diese kleinen Tiere zertreten / doch ‚das geht zu weit‘ / ich seh‘ euch winden / und während sie immer mehr / Menschen anzünden / bist du noch immer am Reden, am Differenzieren / man dürfe seine Werte jetzt nicht verlieren / dieser ‚Wert‘ im Klartext heißt: / das Weiterleben vom Großdeutschen Geist // Deutschland – ein Land kotzt sich aus / einen alten, braunen Brei / seh‘ ich aus dem Fenster / wird mir übel von dieser Heuchelei / in Deutschland – ein Land kotzt sich aus / einen alten, braunen Brei / mir wird schlecht / von dieser Heuchelei (…)

Hört auf, diese brutale Kaltblütigkeit achselzuckend hinzunehmen oder zu verharmlosen. Macht die Augen auf! Macht das Maul auf! Das hier ist auch unser Land. Jagt den Rassistenmob zum Teufel!